Schädlingsmanagement ist mehr als Köder auslegen und „Boxen drehen“
Aktualisiert: 28. Sept.
Das Ende der befallsunabhängigen Dauerbeköderung, die Aufgabe von Monitoringsystemen und der Wert einer objektbezogenen Risikoanalyse gehören zusammen. Denn die entscheidende Frage lautet nicht: Was stellen wir künftig in unsere Boxen? Sondern: Wie schützen wir einen Betrieb wirksam?

Gestern habe ich mit einem Auftraggeber über das Ende der befallsunabhängigen Dauerbeköderung gesprochen. Er befürchtete, dass die Schädlingssituation kaum noch beherrschbar wäre, wenn künftig kein „Gift“ mehr ausgelegt werden dürfe.
Die Sorge um den Schutz seines Betriebes nehme ich ernst. Die Annahme dahinter müssen wir allerdings richtigstellen: Das Ende der befallsunabhängigen Dauerbeköderung ist kein generelles Verbot der Bekämpfung mit Rodentiziden. Bei festgestelltem Befall bleibt deren gezielter Einsatz innerhalb der jeweiligen Zulassung und Anwendungsbedingungen möglich. Die BAuA unterscheidet ausdrücklich zwischen der Bekämpfung eines nachgewiesenen Befalls und einer vorbeugenden Giftköderauslage ohne Befall.
Zur zeitlichen Einordnung: Das Umweltbundesamt nennt den 1. Juli 2026 als Beginn der Nichtzulassung für die befallsunabhängige Dauerbeköderung und berücksichtigt Abverkaufs- und Aufbrauchfristen von insgesamt einem Jahr. Für die konkrete Anwendung sind deshalb die jeweiligen Produktbedingungen und Fristen zu beachten.
Die fachliche Frage geht für mich aber weit über diese Umstellung hinaus: Haben wir ein funktionierendes Schädlingsmanagement – oder haben wir vor allem regelmäßig befüllte Köderstationen?
Die Risikoanalyse: Alibi fürs Audit oder Grundlage unserer Arbeit?
Damit sind wir bei diesem vermeintlich „merkwürdigen Dokument“: der objektbezogenen Risikoanalyse.
Wofür erstellen wir sie eigentlich? Damit am Abend vor dem Audit schnell noch eine Excel-Tabelle ausgefüllt wird? Damit eine Vorlage mit neuem Firmennamen in der Dokumentation liegt? Oder damit wir nachvollziehbar entscheiden können, welche Maßnahmen dieser Betrieb tatsächlich benötigt?
Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen.
An einer Excel-Tabelle ist überhaupt nichts falsch. Das Problem beginnt dort, wo die Risikoanalyse mit dem tatsächlichen Betrieb wenig zu tun hat und aus ihren Ergebnissen keine Entscheidungen entstehen.
Mein Anspruch an eine objektbezogene Risikoanalyse ist, dass sie den Standort wirklich betrachtet: Gebäude, Umfeld, Warenströme, Betriebsabläufe und bisherige Befunde. Wo können Schädlinge eindringen oder eingeschleppt werden? Wo finden sie Nahrung, Wasser und Rückzugsmöglichkeiten? Welche Bereiche sind besonders empfindlich? Wie wahrscheinlich ist ein Befall – und welche Folgen hätte er dort?
Vor allem muss daraus hervorgehen, was wir unternehmen: Welche vorbeugenden Maßnahmen sind erforderlich? Wo und womit überwachen wir? Welche Kontrollhäufigkeit ist angemessen? Welcher Befund löst welche Reaktion aus? Und wer übernimmt die Verantwortung?
Die Risikoanalyse darf nicht nachträglich rechtfertigen, warum irgendwo 30 Boxen stehen. Sie muss begründen, welche Maßnahmen an diesem Standort sinnvoll sind.
Monitoring erkennt ein Problem. Es ist nicht automatisch dessen Lösung.
Im integrierten Schädlingsmanagement hat Monitoring eine klare Aufgabe: Schädlingsaktivität erkennen, relevante Arten identifizieren und die Grundlage für angemessene Maßnahmen liefern. Überwachung, Prävention und Bekämpfung greifen ineinander, erfüllen aber unterschiedliche Funktionen.
Ein zur Früherkennung eingerichtetes Monitoringnetz ist deshalb nicht automatisch dafür ausgelegt, einen vorhandenen Befall vollständig zu beseitigen. Daraus folgt für mich: Sobald ein Befund vorliegt, muss fachlich geprüft werden, ob zusätzliche oder anders ausgerichtete Maßnahmen erforderlich sind.
Natürlich kann eine digital überwachte Schlagfalle gleichzeitig überwachen und Tiere töten. Die Funktionen können sich technisch überschneiden. Das macht aber nicht jedes Monitoringnetz zu einem ausreichend dimensionierten Bekämpfungskonzept.
Der Vergleich mit einer Autofahrt macht es anschaulich: Müssen wir ständig vier Ersatzreifen mitführen, um sicher unterwegs zu sein? Nein. Entscheidend sind ein verkehrssicheres Fahrzeug, Wartung, Aufmerksamkeit und eine passende Reaktion, wenn ein Problem auftritt. Eine Reifendruckkontrolle warnt vor Druckverlust – sie repariert keinen Reifen.
Genauso wenig beseitigt eine Meldung auf dem Smartphone bereits einen Schädlingsbefall.
Deshalb gehört für mich zu jedem Monitoringsystem ein verbindlicher Reaktionsplan. Wer bewertet einen Alarm? Wie schnell wird reagiert? Was passiert außerhalb der üblichen Arbeitszeiten? Wer veranlasst eine Bekämpfung und überprüft deren Erfolg?
Monitoring darf kein organisiertes Zuschauen sein.
Brauchen wir daneben weiterhin dauerhaft Gift „zur Sicherheit“?
Als pauschales Zusatzsystem nach dem Motto „Das haben wir schon immer so gemacht“: ganz klar nein.
Die Antwort auf die Grenzen eines Monitorings kann nicht darin bestehen, das bisherige Dauerbeköderungssystem einfach unverändert parallel weiterzuführen. Die Antwort ist ein objektbezogenes Gesamtkonzept, das Überwachung und eine erforderliche Bekämpfung sinnvoll miteinander verbindet.
Das bedeutet nicht, sämtliche vorhandenen Boxen zu entsorgen. Ihre weitere Verwendung sollte anhand ihrer Eignung für das neue Konzept geprüft werden. Zur Befallsermittlung und Überwachung nennt die BAuA unter anderem Sichtkontrollen, giftfreie Köder und fernüberwachte Systeme.
Nicht das Alter einer Box entscheidet über ihren Nutzen, sondern ihre Funktion im Maßnahmenplan.
Genauso wenig würde ich versprechen, dass ein digitales System allein dauerhaft jeden Biozideinsatz überflüssig macht. Das wäre nur die nächste zu einfache Antwort auf eine anspruchsvolle Aufgabe.
Der Werkzeugkoffer ist gefüllt – wir müssen ihn passend einsetzen
Das Integrated Pest Management, kurz IPM, verbindet vorbeugende Maßnahmen mit Überwachung und situationsgerechter Bekämpfung. Dazu gehören beispielsweise bauliche Absicherung, Hygiene, Wareneingangskontrollen, die Gestaltung des Betriebsumfelds und geeignete Fallensysteme. Bei Bedarf kann auch der gezielte Einsatz von Rodentiziden dazugehören.
Es geht also nicht um „biozidfrei um jeden Preis“. Es geht darum, Maßnahmen nach ihrer Eignung, Wirksamkeit und ihren Risiken auszuwählen – statt ein Mittel aus Gewohnheit einzusetzen.
Zur fachlichen Ehrlichkeit gehört allerdings auch, keine Universallösung zu verkaufen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht insbesondere für hochsensible Lebensmittel- und Futtermittelbereiche weiteren Prüf- und Abstimmungsbedarf hinsichtlich der Alternativen zur Dauerbeköderung.
Für mich unterstreicht das die Bedeutung einer sorgfältigen, standortbezogenen Planung. Weder „Gift löst alles“ noch „Digitaltechnik löst alles“ ist ein tragfähiges Betriebskonzept.
Ein dokumentierter Mangel ist noch kein bearbeitetes Risiko
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: An einem Verladetor liegt regelmäßig verschüttetes Getreide. Die untere Torabdichtung ist beschädigt. Direkt daneben werden Materialien gelagert, die eine gründliche Kontrolle erschweren.
Dann reicht es nicht, die nächstgelegene Station zu kontrollieren und erneut „baulicher Mangel“ im Bericht anzukreuzen.
Ein Giftköder repariert keine Torabdichtung. Ein Sensor entfernt kein verschüttetes Getreide. Und eine digitale Dokumentation verändert noch keinen Betriebsablauf.
Hier brauchen wir konkrete Vereinbarungen: Wer beseitigt die Verschüttungen? Wer veranlasst die Reparatur? Bis wann? Welche vorübergehenden Maßnahmen sind notwendig? Und wer kontrolliert anschließend die Umsetzung?
Wenn derselbe Mangel beim nächsten Besuch wieder auftaucht, sollten wir nicht nur prüfen, ob er erneut dokumentiert wurde. Wir sollten fragen, warum er noch besteht.
Dabei halte ich nichts davon, jeden Schädlingsbefall pauschal als menschliches Versagen abzutun. Meine Kritik richtet sich an etwas anderes: an erkennbare, beeinflussbare Risiken, die dauerhaft bestehen bleiben, während wir lediglich ihre Folgen bearbeiten.
Eine Risikoanalyse ohne Konsequenzen bleibt Papier. Auch dann, wenn dieses Papier digital ist.
Auftraggeber und Auftragnehmer müssen eine Aktionsgemeinschaft bilden
Wir als Fachbetrieb müssen Risiken erkennen, Empfehlungen begründen, Maßnahmen fachgerecht umsetzen und deren Wirksamkeit überprüfen. Der Auftraggeber muss die betrieblichen Voraussetzungen schaffen und vereinbarte Verbesserungen mittragen.
Der Auftragnehmer darf sich nicht hinter seinem Bericht verstecken. Der Auftraggeber nicht hinter dem unterschriebenen Wartungsvertrag.
Mein Anspruch an digitale Dokumentation ist deshalb, aus einem Befund eine nachvollziehbare Aufgabe zu machen: mit Zuständigkeit, Frist und überprüftem Ergebnis. Die Risikoanalyse muss dabei regelmäßig und bei relevanten Veränderungen überprüft werden – nicht erst, wenn sich der nächste Auditor ankündigt.
Wir sollten nicht lediglich dokumentieren, dass wir da waren. Wir sollten nachvollziehbar machen, was wir verbessert haben.
Genau dafür steht mein Anspruch an die Arbeit der PGS PestGuard Solutions GmbH:
Gemeinsam Risiken verstehen, Ursachen bearbeiten, zuverlässig überwachen und bei Bedarf konsequent bekämpfen.
Die Kontrolle von Stationen und das Ausbringen von Ködern können wichtige Teile dieser Arbeit sein. Sie sind aber nicht das gesamte Schädlingsmanagement.
Am Ende möchte ich nicht nur eine vollständige Dokumentation für das nächste Audit sehen. Ich möchte sehen, dass vereinbarte Maßnahmen umgesetzt wurden und der Betrieb seine Risiken besser beherrscht.
Gute fachliche Praxis müssen Auftraggeber einfordern. Und wir als Fachbetriebe müssen sie leisten.
End the Bullshit!
Weiterführend: Für Lebensmittelbetriebe bündelt PGS diese Prinzipien im Schädlingsmanagement für Lebensmittelbetriebe – von Risikoanalyse und Monitoring bis zur auditfähigen Dokumentation.





Kommentare